Lost in Sorong

So Wrong oder So Right? Vom Bootsleben ins Stadtchaos

Wir waren erfreut, wieder in der Zivilisation zu sein – und endlich mal für eine Weile vor Anker liegen – nach einem fünfwöchigen Marathon mit rund zwanzig verschiedenen Ankerplätzen. Das sind ungefähr vier neue Orte pro Woche. Wir haben also viel gesehen, aber kaum etwas davon verarbeiten können. Auch hatten wir kaum Leute getroffen oder kulturell etwas erlebt, also hofften wir, dass Sorong ein bisschen mehr Action bieten würde. Immerhin kommt man hier viel leichter an Land. Wir hatten sogar die glorreiche Idee, für ein paar Wochen vom Boot zu hüpfen, falls der Skipper zustimmt. Warum nicht – ist ja kein bezahlter Job, wir zahlen schließlich dafür, hier zu sein.

Warwick, der die Marina betreibt, kommt ursprünglich aus Tasmanien, lebt aber seit über zwanzig Jahren hier. Ein super Typ. Er hat einen Fahrer, den man für 5 Euro die Stunde buchen kann – spottbillig – also buchten wir ihn für eine Supermarkttour. Anfängerfehler. Später fanden wir die Maxime-App – quasi das lokale Uber. Ich lud außerdem Grab runter, das überall in Indonesien funktioniert, und Gojek, das ich später als reine Motorrad-Taxi-App entlarvte. Maxime ist mit Abstand am günstigsten – unsere 5 Euro-Supermarktfahrt hätte 1 Euro gekostet.

Am nächsten Tag machten Mark und ich uns auf einen vollen Tag in der Stadt gefasst. Wir hatten nicht viel Gutes über Sorong gehört – auch liebevoll „So Wrong“ genannt – und bei der Hitze war meine Begeisterung eher… gedämpft. Aber wir wollten den Fährterminal checken, und ich brauchte dringend eine Pediküre.

Ich versuchte erst Gojek, aber keine Chance. Dann winkte uns ein anderer Segler vom Straßenrand in sein Taxi. John aus Australien – absoluter Ehrenmann – gab uns alle Insider-Tipps. Er setzte uns sogar gratis in einem riesigen Einkaufszentrum ab. Ein guter Start.

Ich schnappte mir einen Roti Boy. Dann ging’s mit einem weiteren Taxi ins zweite Einkaufszentrum –hier ergatterte ich ein fettes Schoko-Croissant, komplett in Schokolade ertränkt. Nach einem Käsecroissant, Brotstangen und dem Roti Boy war das Frühstück Nummer drei. Zucker- und Kohlenhydratlevel: olympisch.

Dann liefen wir 30 Minuten zum Fährterminal, um das Dreifachfrühstück irgendwie zu rechtfertigen. Schlechte Idee bei der Hitze. Am Terminal erkundigten wir uns über Fähren nach Waisai, der Hauptstadt von Raja Ampat – vielleicht unser Ziel für die geplante Landflucht.

Nebenbei suchten wir immer noch ein Nagelstudio und einen Geldwechsel – aber wir verpassten alles, fanden es nicht oder es war „zu beschäftigt“. Da keine Maxime-Taxis auftauchten, hielt ich einen leuchtend gelben lokalen Bus an. Die Locals meinten, es würde 2 Euro kosten, aber beim Aussteigen wollte der Fahrer das Doppelte – für fünf Minuten Fahrt! Ganz klar der „Bule-Preis“ (für die Unwissenden: „weißer-Touristen-Aufschlag“). Ab da: nur noch Maxime.

Der kleine Wechselshop hatte dann auch noch miese Kurse – und sind super pingelig mit den Scheinen. Eine Falte, ein Kratzer, und sie nehmen’s nicht. Ich hatte schon fast aufgegeben, als ich ein großes Schild für ein Nagelstudio sah – und bemerkte, dass die Verkäuferin perfekte Nägel hatte. Turns out: Ihre Freundin betreibt das Studio nebenan!

Zack, saß ich in einem süßen kleinen Raum für meine Pediküre, während Mark zum Barber nebenan ging. Also doch nicht alles verloren – wir endeten beide mit ein bisschen Selbstfürsorge und fühlten uns wieder halbwegs menschlich.

Geldwechsel? Weiterhin ein Drama. Am nächsten Tag gingen wir zur Bank mit dem besten Kurs, aber natürlich war es der Tag vor Weihnachten. Nach zwei Stunden gab der Skipper auf, drückte uns sein Geld in die Hand und verschwand. Wir warteten insgesamt vier Stunden – aber immerhin bot mir eine Einheimische währenddessen einen Job auf einem Liveaboard an. Ein bezahlter Bootjob – jetzt reden wir! Falsches Timing, aber hey, Nummern wurden aus getauscht.

Wir schafften sogar einen Ausflug ins tolle Kino, wo wir Vaiana 2 sahen – der einzige Film auf Englisch, aber komplett mein Ding. Das Popcorn gab’s in fünf Geschmacksrichtungen, was ehrlich gesagt die beste Erfindung seit Klimaanlagen ist. Danach gönnten wir uns Pizza am Wasser – touristisch, etwas teurer, aber immer noch günstig im Vergleich zur Heimat. Es war schön mal aus zu essen.

Zwischendurch machten wir etwas Sightseeing und fanden sogar eine neue Freundin: Raya, unsere Uber-Fahrerin, die super Englisch sprach. Wir schnappten Sie uns für den Tag, erkundeten die Stadt und erledigten unsere Bootseinkäufe. Zum Abschluss gab’s Drinks am Wasser – war schön, mal einen einheimischen besser kennenzulernen.

Unsere zweiwöchige „Flucht vom Boot“ wurde schließlich nach einigem Drama (tauglich für eine ganze Telenovela) genehmigt – zehn Tage an Land, wir kommen! Davor war noch Weihnachten, und ich beschloss, Plätzchen zu backen. Niemand wirkte beeindruckt, also aß ich die ganze Box deutscher Weihnachtskekse selbst. Ohne Reue. Ich war wohl zu sehr im Festtagsmodus – der Rest der Crew eher nicht, also verschwanden die Deko-Sachen, die ich fast ein Jahr mit mir herumschleppte, wieder in der Kiste.

Alles in allem ist Sorong gar nicht so schlimm, wie der Spitzname vermuten lässt. Wir fanden tolle Cafés und Restaurants, haben coole Leute getroffen und unsere Landbeine zurückbekommen – aber jetzt wird’s Zeit fürs nächste Abenteuer: unsere Solo-Reise durch Raja Ampat.

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